3. Bildung

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3.1 Schule All Inclusive

3.1.1 Verschieden ist normal

Wir PIRATEN Bremen setzen uns für die Entwicklung einer inklusiven Schule ein, in der es normal ist, verschieden zu sein und in der alle Schülerinnen und Schüler die Förderung erhalten, die sie aufgrund ihrer individuellen Lernvoraussetzungen benötigen. Inklusion bedeutet Zugehörigkeit, das heißt, niemand darf aufgrund einer Behinderung oder einer Lernbeeinträchtigung ausgegrenzt werden. Alle Schülerinnen und Schüler sollen die Möglichkeit haben, eine wohnortnahe Schule zu besuchen. Um diesem Ziel näher zu kommen, benötigen die Schulen wesentlich mehr finanzielle Mittel. Wir PIRATEN Bremen fordern deshalb eine ausreichende Aufstockung des Bildungsetats.

3.1.2 Qualität hat ihren Preis. Ausreichend Personal bereitstellen

Inklusion bedeutet nicht nur, Lernschwächen aufzufangen, denen man mit differenziertem Unterricht begegnen kann, sondern auch den Umgang mit „problematischem“ Verhalten. Dies ist sehr personalintensiv und erfordert ein multiprofessionelles Team. Inklusion darf nicht länger ein hohes Ziel ohne Mittel zur Verwirklichung sein.

Wir fordern daher eine ausreichende Besetzung mit Sonderschullehrkräften, mehr Sozialpädagogen und -pädagoginnen sowie mehr Erzieher und Erzieherinnen, mehr Schulpsychologen und -psychologinnen sowie bei Bedarf ausreichend persönliche Assistenzen in den Schulen. Inklusive Bildung verlangt durchgehend personelle Doppelbesetzung und kleine Klassengrößen. Sogenannte lernbehinderte Schüler und Schülerinnen (Förderbedarf in den Bereichen Lernen, Sprache und Verhalten) haben derzeit nur noch für eine bestimmte Stundenzahl Anspruch auf eine zusätzliche Kraft (Sonderschullehrer oder -lehrerin). Dies führt bei lernbehinderten Schülern bzw. Schülerinnen dazu, dass die entsprechenden Kräfte nicht immer in der Klasse anwesend sind. Die meiste Zeit wird daher nicht in einer Doppelbesetzung unterrichtet. Will die Schule den Anteil am doppelt besetzten Unterricht erhöhen, ist sie gezwungen, die Anzahl der Schüler und Schülerinnen mit Lernbehinderung pro Klasse zu erhöhen. So kann die sonderpädagogische Lehrkraft zwar mit mehr Stunden in der Klasse die betroffenen Schüler und Schülerinnen unterstützen, hat dann jedoch mehr Kinder oder Jugendliche zu betreuen. Unter solchen Bedingungen leiden sowohl lernbehinderte als auch nicht lernbehinderte Kinder. Auch für die Lehrkräfte stellt dieser Umstand eine erhöhte Belastung dar und kann negative Folgen für die Gesundheit haben. Dies spricht aber nicht gegen das Inklusionsmodell, sondern gegen die Sparpolitik unter dem Diktat der Schuldenbremse.

Die persönlichen Assistenzkräfte und die pädagogischen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind mit angemessenen tariflich abgesicherten Arbeitsverträgen einzustellen.

3.1.3 Schule – Lebensraum für alle

Alle Schulen benötigen optimale räumliche Ausstattungen und müssen barrierefrei sein. Entsprechend den individuellen Bedürfnissen von Schülern und Schülerinnen mit Beeinträchtigungen sind ausreichend Differenzierungsräume, Pflegeräume sowie Ruhe-, Bewegungs- und Therapieräume einzurichten. Ebenso sind vielfältige differenzierte Unterrichtsmaterialien zur Verfügung zu stellen, die Schülern und Schülerinnen mit den verschiedenen Behinderungen ermöglichen, am Unterricht teilzunehmen.

3.1.4 Eine Kette ist so stark wie ihr schwächstes Glied

Schülern und Schülerinnen mit Lernrückständen muss das Schulsystem mehr Zeit geben, Wissenslücken zu schließen, um zu vermeiden, dass sie aufgrund eines fehlenden Grundstocks in allen Fächern den Anschluss verlieren und immer nur die abgespeckte (differenzierte Version) des Lernstoffs angeboten bekommen. Das Schulsystem muss diesbezüglich flexibler werden, auch wenn dies personalintensiv ist. Alle Kinder haben ein Anrecht auf Bildung, unabhängig von Herkunft und Elternhaus.

3.1.5 Bildung statt Ausbildung

Schule bereitet auf das Leben vor. Dies bedeutet aber nicht nur, dass Schüler und Schülerinnen auf den Arbeitsmarkt vorbereitet werden sollen. Sie sollen vielmehr befähigt werden, sich kritisch-emanzipatorisch mit ihrer Mitwelt auseinanderzusetzen. Schule muss entgegen allen vermeintlichen Sparzwängen eine humanistische Allgemeinbildung vermitteln; Schüler und Schülerinnen müssen den Raum haben, sich jenseits eines normierten Wissenskanons auszuprobieren. Wir PIRATEN fordern deshalb eine Abschaffung des Zentralabiturs. Wir wollen das Abitur nach 13 Schuljahren, damit mehr Zeit für Auseinandersetzung mit Inhalten besteht und das Lernen nicht weiter unter das Diktat der Zeit gezwungen wird und zur reinen, unreflektierten Fachwissensvermittlung verkommt.

Zurück zu einem sinnvollen G9!

3.1.6 Lebenspraktische Fähigkeiten

Wir finden Gedichtanalysen in vier Sprachen wertvoll für die Entwicklung des Geistes. Der Wunsch von Schülern und Schülerinnen, stärker als bislang mit lebenspraktischen Fähigkeiten wie z. B. Steuer- und Mietrecht vertraut gemacht zu werden, ist jedoch verständlich. Lernen gelingt immer dann am besten, wenn es freiwillig erfolgt. Auch ist es nicht Aufgabe der Schule, den Erziehungsberechtigen alle Arbeit abzunehmen. Für Schüler und Schülerinnen, die hier für sich Lernbedarf feststellen, sollten freiwillige AGs angeboten werden, die inhaltlich entsprechend den von den Schülern und Schülerinnen artikulierten Wünschen gestaltet werden.

3.1.7 Der mündige Mensch statt des Educandus

Schüler und Schülerinnen sollen sich in den Schulen zu Menschen entwickeln können, die sich aktiv in die Gesellschaft einbringen. Dies gelingt nicht durch Bevormundung, bei der Kinder nur als zu erziehende und mit Wissen zu befüllende Wesen betrachtet werden. Reine Schauveranstaltungen ohne echtes Mitspracherecht können Schüler und Schülerinnen auf ihrem Weg ins Erwachsensein leicht frustrieren. Für eine echte Mitsprache der Schülerschaft fordern wir PIRATEN Bremen daher stimmberechtigte Sitze für die Vertreter und Vertreterinnen der Gesamtschülervertretung in der Bildungsdeputation.

3.1.8 Flüchtlingskinder beschulen

Kinder und Jugendliche dürfen nicht die Leidtragenden einer rassistischen und wohlstandschauvinistischen Asylpolitik sein. Kinder und Jugendliche aus Familien nicht oder noch nicht anerkannter Flüchtlingsfamilien sollen Sprachförderkurse an öffentlichen Schulen erhalten. Um Flüchtlingskindern den Übergang in den Regelschulunterricht zu erleichtern und sie nicht unvorbereitet zu überfordern, bedürfen sie einer professionellen Unterstützung. Dafür ist ausreichend Personal einzustellen.

 

3.2 Wissenschaft und Studium

 3.2.1 Verantwortungsvolle Forschung

Wir PIRATEN setzen uns für zivile Konfliktlösungen ein und unterstützen das Konzept von unbewaffneter, ziviler Krisenprävention. Materielle und finanzielle Unterstützung der Forschung durch Rüstungsunternehmen und die Bundeswehr lehnen wir ab. Selbstverpflichtungen, wie die Zivilklausel, können nur eine sinnvolle Lösung sein, wenn Verstöße gegen sie öffentlich gemacht werden. Dafür bedarf es uneingeschränkter Transparenz hinsichtlich des Umfangs und der Herkunft von Forschungsgeldern sowie des aktiven Schutzes von Whistleblowern.

3.2.2 Exzellenz für alle

In der zweiten Runde der sogenannten Exzellenzinitiative wurden der Universität Bremen Gelder zugewiesen. Es herrscht der Irrglaube, dass durch die Exzellenzinitiative die gesamte Universität bedacht wird. Tatsächlich werden aber nur Teile des Forschungsbereiches der Universität gefördert. Dies muss deutlich besser kommuniziert werden. Es ist wichtig, dass es nicht zu einem zu starken Gefälle innerhalb des Hochschulbereichs kommt. Wettbewerb im Forschungsbereich ist unserer Meinung nach nicht prinzipiell abzulehnen. Dabei dürfen jedoch einige wenige Universitäten nicht systematisch bevorteilt oder Forschungseinrichtungen für kurze Zeit eingerichtet und bei Ende der Förderungsdauer wieder geschlossen werden. Diese Praxis nimmt nicht zuletzt den wissenschaftlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen die Möglichkeit, Familiengründung und Existenzsicherung verlässlich zu planen. Förderungsprogramme müssen daher langfristig angelegt sein. Der Bereich der Lehre darf bei der Förderung nicht ausgespart werden, denn die Situation der Lehre ist desolat.

3.2.3 Freier Zugang zu Hochschulbildung und Recht auf Masterplatz

Wir lehnen sowohl Studiengebühren als auch versteckte Gebühren über Verwaltungskostenbeiträge ab. Allen Studierenden, die ein erstes berufsbefähigendes Bachelor-Studium an einer Hochschule erfolgreich abschließen, muss ein Platz in einem Masterstudiengang an derselben Hochschule offen stehen. Langzeitstudiengebühren müssen abgeschafft werden, da sie den Druck auf die Studierenden erhöhen, somit das Lernen und die freie Entfaltung behindern und darüber hinaus ungerecht gegenüber Lebensentwürfen sind, die ein zügiges Studium nicht zulassen.

3.2.4 Mitbestimmung der Studierenden innerhalb der Hochschule

Das Bremische Hochschulgesetz bedarf einer grundlegenden Reform hinsichtlich der Mitbestimmung der Studierenden. Wir PIRATEN Bremen fordern die paritätische Besetzung der Entscheidungsgremien. Die Statusgruppen der Studierenden, Professoren, wissenschaftlichen Mitarbeiter und sonstigen Mitarbeiter müssen in den Akademischen Senaten der Bremischen Hochschulen gleichberechtigt sein.

3.2.5 Chancengleichheit

Hochschulen müssen familienfreundlicher gestaltet werden. Dies betrifft sowohl die Arbeit in Forschung, Lehre und Verwaltung als auch das Studium. Um Studierenden und Lehrenden mit Kindern das Besuchen von Lehrveranstaltungen zu ermöglichen, die außerhalb der normalen Betreuungszeiten in Kindereinrichtungen liegen, sollen spezielle Kindereinrichtungen für Studierende angeboten werden. Die mangelhaften Rahmenbedingungen (befristete Verträge, mangelnde Kinderbetreuung) haben zur Folge, dass der Anteil an weiblichen Dozenten deutlich geringer ist als der Anteil an Absolventinnen.

3.2.6 Förderung von E-Learning und Aufzeichnung sowie Online-Verfügbarkeit von Vorlesungen

Schon seit einigen Jahren bieten manche Professorinnen und Professoren ihre Vorlesungen im Internet als „E-Lectures” an. So können Studierende bequem von überall die Vorlesungen anschauen und wiederholen. Die notwendige Technik ist in vielen Hörsälen bereits vorhanden, wird aber nicht genutzt. Das Land Bremen kann hier einen wertvollen Beitrag leisten, indem es Serverkapazität und Datenbanken für die aufgenommenen Vorlesungen bereitstellt. Die dafür bisher verwendete Software soll aktiv weiterentwickelt werden.

3.2.7 Open Source für die Hochschulen

In vielen Fächern wird die Nutzung von kommerzieller Software vorausgesetzt. Die Lizenzkosten werden zum Teil von den Hochschulen, zum Teil von den Studierenden getragen. Die Möglichkeit, ohne Mehrkosten am eigenen Rechner dieselben Programme zu nutzen, fehlt oft. Finanzielle Belastungen von Studierenden und Hochschulen können wir angesichts der freien und Open-Source-Alternativen nicht nachvollziehen. Hochschulen sollen deshalb offene Formate, die sich bereits in der internationalen Wissenschaft etabliert haben (z. B. LaTex, OpenDocument), fördern und selbst einsetzen. Diese müssen auf allen Systemen nutzbar sein. Der Zugang zum hochschuleigenen Internetzugang soll abwärtskompatibel gestaltet werden, sodass Studierende nicht gezwungen sind, auf bestimmte Betriebssysteme „umzusteigen“, nur weil ihres nicht oder nicht mehr vom ISP der Hochschule unterstützt wird.

3.2.8 Freier Wissensaustausch und Open Access

Wissenschaftliche Entwicklung kann nur durch den stetigen Austausch von Erkenntnissen gesichert und zum Wohle der Menschen verwendet werden. Rechtliche Schranken, die den freien Wissensaustausch insbesondere zum Zwecke der Überprüfung, der weitergehenden Forschung und der Bildung verhindern, sind zu vermeiden. Vom Land (teil-)finanzierte wissenschaftliche Informationen und Forschungsergebnisse sollen nach dem Prinzip des Open Access auch der Öffentlichkeit zugutekommen und für alle Menschen frei zugänglich sein.

 

3.3 Kita-Betreuung

3.3.1 Abschaffung von Kita- und Kindergartengebühren

Wir PIRATEN Bremen setzen uns für eine flächendeckende Gewährleistung frühkindlicher Bildung ein. Deswegen fordern wir die Abschaffung sämtlicher Kita- und Kindergartengebühren.

3.3.2 

Der aktuelle Betreuungsschlüssel muss erhalten und langfristig durch Neueinstellung von qualifiziertem Personal weiter verbessert werden. Hierbei müssen vorrangig ausgebildete Erzieher statt einfacher Betreuungskräfte eingestellt werden. Zusätzliches Personal soll außerdem sicherstellen, dass jedes (!) Kind in Bremen die Chance auf einen Betreuungsplatz hat.

Ein spezielles Augenmerk gilt der Sprachförderung, die allen Kindern zuteil werden muss.